

Illustration: D-BAUG, ETH Zürich / Nightnurse Images (2024)
Benedikt Vogel
Wie E-Bikes den Verkehr verlagern
Der Anteil der elektrisch angetriebenen Fahrräder auf Schweizer Strassen wächst und wächst. Die E-Bikes verändern den Freizeit- und den Berufsverkehr. Wie genau, das haben die Universität Basel und die ETH Zürich in Studien untersucht, mit der Erkenntnis, dass ein gut ausgebautes Fahrradnetz nötig wäre.
In den letzten 15 Jahren haben Fahrräder mit Elektromotor (E-Bikes) stark an Popularität gewonnen. Von den 2024 schweizweit verkauften Fahrrädern verfügt annähernd die Hälfte über eine Elektrounter-stützung. Laut Velosuisse, dem Verband der Schweizer Fahrradlieferanten, sind unterdessen 1,4 Mio. E-Bikes auf Schweizer Strassen unterwegs. Damit ist schon gut jedes fünfte Zweirad mit einem Elektromotor ausgerüstet.
Bei den Autos gilt der Elektromotor als nachhaltige Alternative zu fossilen Antrieben. Bei den Fahrrädern ist der Umweltnutzen weniger offenkundig. Denn E-Bikes verbrauchen Strom; wer ein muskelgetriebenes Velo gegen ein E-Bike eintauscht, erhöht den Stromverbrauch. Ein ökologischer Vorteil ergibt sich hingegen in den Fällen, wo das Elektrorad anstelle eines Autos oder eines öffentlichen Verkehrsmittels benutzt wird (siehe Grafik 3). Das Verlagerungspotential ist gewaltig: 69 % der Personenkilometer in der Schweiz werden nach Auskunft des Bundesamts für Statistik heute mit dem Auto zurückgelegt. Jener von Velos und E-Bikes liegt im Bereich von wenigen Prozent.
4000 Testpersonen mit E-Bike
Vor diesem Hintergrund hat die Universität Basel zusammen mit der ETH Zürich und der Universität Oregon (Eugene/USA) in einer Studie untersucht, wie Elektroräder genutzt werden, also für welche Strecken sie eingesetzt werden und wie sie das Mobilitätsverhalten verändern. Die Studie «E-Biking in der Schweiz» (EBIS) wurde vom Bundesamt für Energie, von den Kantonen Aargau, Basel-Stadt, Baselland, Zürich sowie der Stadt Zürich unterstützt.
Für die EBIS-Studie wurden knapp 4000 E-Bike-Nutzerinnen und Nutzer während bis zu neun Wochen über ihre App getrackt und zusätzlich befragt. Die App zeichnete auf, welche Strecken die Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer mit E-Bike, Velo, Auto, mit dem öffentlichen Verkehr und zu Fuss zurücklegten. Insgesamt wurden2,8 Mio. Wegabschnitte aufgezeichnet. Dank dieser Daten wissen die Forschenden, welche Routen mit E-Bikes und Velos in welcher Zeit zurückgelegt wurden. Die Aufzeichnungen lassen auch Rückschlüsse über den Einsatz der Fahrräder in verschiedenen Jahreszeiten zu.
Weniger Treibhausgase dank E-Bikes
Besonders interessant ist die Frage, welche Verkehrsmittel durch E-Bikes ersetzt werden. Um dies zu erfahren, wurden die E-Bike-Nutzer gefragt, wie sie fünf Wegstrecken, die sie aktuell in der Regel mit dem Elektrorad fahren, früher zurücklegten. Das Ergebnis zeigt, dass E-Bikes nicht einfach an die Stelle von Velos treten, aber auch nicht nur als «grüne» Alternative zu Autos genutzt werden. Vielmehr ersetzen Elektroräder bisweilen das Auto, manchmal das Velo, oft aber auch den öffentlichen Verkehr. Die statistische Auswertung zeigt, dass diese drei Verkehrsmittel ungefähr gleich häufig substituiert werden.
«Nicht jedes einzelne E-Bike senkt die CO2-Emissionen, unter dem Strich aber wird durch die E-Bikes CO2 in erheblichem Umfang eingespart, und zwar deshalb, weil ein E-Bike deutlich weniger CO2 ausstösst als ein Auto», sagt Projektleiter Beat Hintermann, Wirtschaftsprofessor an der Universität Basel. Er und sein Forscherteam haben abgeschätzt, dass die E-Bikes, die im Jahr 2021 auf Schweizer Strassen unterwegs waren, jährlich rund 22 000 t CO2 einsparen (wenn man in Rechnung stellt, dass jede E-Bike-Fahrt eine Fahrt mit Velo, Motorrad, Auto oder ÖV bzw. einen Fussweg ersetzt). Würden alle Schweizerinnen und Schweizer ein Elektrorad nutzen, und dies in der gleichen Art wie die Studiengruppe, dann wäre das Einsparvolumen sogar gut 50-mal höher. Auf dem Weg liessen sich 9,3 % der CO2-Emissionen des Verkehrssektors einsparen, haben die Forscher errechnet.
Nur schnelle E-Bikes ersetzen das Auto
Elektroräder nützen dem Klima, wenn sie Autofahrten ersetzen. Wie aber können Menschen motiviert werden, ihr Auto zugunsten des E-Bikes stehen zu lassen? Gelingt das mit finanziellen Anreizen? Das haben die Forschenden bei einer Gruppe von Studienpersonen untersucht, die sowohl ein Elektrorad als auch ein Auto besitzen. Die Studie wurde so konzipiert, dass den Testpersonen die externen Kosten des gewählten Verkehrsmittels auferlegt wurden. Unter «externen Kosten» verstehen Ökonomen die negativen Effekte, die nicht von den Verkehrsteilnehmern bezahlt werden und damit von der Gesellschaft getragen werden müssen. Der Einbezug der externen Kosten führt dazu, dass Autofahrten gegenüber E-Bike-Fahrten deutlich verteuert werden. In der konkreten Umsetzung wurde den Testpersonen ein wöchentliches Mobilitätsbudget in der Höhe von ca. 150 Fr. zugeteilt. Das bedeutete, dass sie einen zweistelligen Frankenbetrag sparen konnten, wenn sie statt des Autos das Elektrorad benutzten.
Dieser finanzielle Anreiz hat in der Studie gewirkt: Die Gruppe, die vom finanziellen Anreiz profitierte, nutzte die Elektroräder signifikant häufiger als die Kontrollgruppe. Auffällig dabei: Der Umsteigeeffekt greift bei schnellen E-Bikes (max. 45 km/h) deutlich stärker als bei langsamen E-Bikes (max. 25 km/h): So legen Nutzer schneller E-Bikes aufgrund des finanziellen Anreizes 13 % mehr Strecke mit dem E-Bike zurück, während es bei langsamen E-Bikes nur knapp 4 % sind. Für Beat Hintermann steckt in diesem Unterschied eine zentrale Erkenntnis: «Als man versucht hat, das Velo als Ersatz für das Auto zu propagieren, hat das nie wirklich funktioniert, weil beide Verkehrsmittel für unterschiedliche Distanzen und von unterschiedlichen Personengruppen genutzt werden. Das ändert sich nun mit den schnellen E-Bikes, die sich auch für Pendlerdistanzen von 10 oder 15 km eignen. Wollen wir Autofahrten ersetzen, müssen wir bei den schnellen E-Bikes ansetzen.»



