33. internationales Europa Forum Luzern

«Starten und Ausprobieren»

Hansjoerg Wigger /

An der Digitalisierung führe kein Weg vorbei, machte Bundespräsidentin Doris Leuthard am Symposium der Wirtschaft des 33. internationalen Europa Forum Luzern klar. Sie forderte die über 500 anwesenden Unternehmensvertreter dazu auf, den Mut zu haben, Projekte zu starten und auszuprobieren, auch wenn nicht immer alles gelinge.

Die Digitalisierung sei eine Chance, die allen in vielen Bereichen Nutzen bringe. Dazu habe der Bundesrat im April 2016 die digitale Strategie verabschiedet. Diese wurde in engem Austausch mit Wirtschaft, Wissenschaft undGesellschaft erarbeitet. Sowohl in Europa wie in der Schweiz müsste noch manches optimiert werden. Zum Beispiel der elektronische Datenaustauschzwischen dem Bund und den Gemeinden: Es gebe 3'000 verschiedene Plattformen, und alle arbeiten separat. Die Digitalisierung sei eine Chance, wie die Erfindungen des Buchdrucks oder das Fliessband für Automobile. Dabei bleibe die Maschine aber immer im Dienste der Menschen. Es brauche auch weiterhin den intellektuellen Ansatz, der ein Roboter auch in Jahrzehnten nochnicht einbringen könne.

Wirtschaft ist zuversichtlich

Die industrielle Revolution durch die Digitalisierung betreffe alle Bereiche und Branchen, meinte Ueli Spiesshofer, CEO der ABB Group worldwide. Das führe von der automatisierten zur autonomen Industrie. Nicht die Muskelkraft werde durch Roboter ersetzt, sondern ganze Prozesse. Letztendlich sei dies ein Zusammenspiel von künstlicher Intelligenz und sinnvoller Arbeit. Ein Plädoyer für die digitalisierte Wirtschaft, die sich an den Menschen und den Bedürfnissender Gesellschaft orientiere, hielt Rolf Dörig, VR-Präsident, Swiss Life Holding. Keine Patentrezepte, wie die Veränderungen in Unternehmen aufgefangen werden könnte, bot Patrick Naef an, CIO Emirates Group, der weltweit grössten Airline im internationalen Flugverkehr. Er empfahl die analytischen Erkenntnisse wieder vermehrt mit dem Bauchgefühl zu kombinieren. Wie das Pharma-Unternehmen Roche die Digitalisierung vorantreibt, erläuterte VR-Präsident, Christoph Franz. Es gehe darum, die Qualität der Daten zu verbessern und somit schneller Ursache/Wirkung zu erkennen. Zu reden gab auch der digitale Binnenmarkt Europas. Neue Regulierungen ab 2018 werden auch die Schweizbetreffen.

Start-ups und Workshops

Zum ersten Mal hatten fünf Startups am Europa Forum Luzern die Möglichkeit, innert zwei Minuten ihre Geschäftsmodelle den Vertretern aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft zu präsentieren. Dies reichte von einem vollautomatischen Marktplatz für flexible Arbeit, eine Administrations-Cloud-Lösung für KMU, über ein Angebot zur Debitoren-Abtretung und einer App für digitale Werkstatt-Arbeitsplätze bis hin zu einem Onlineshop fürmassgeschneiderte Jeans. Am praxisnahen Erfahrungsaustausch in fünf Workshops zu Spezialthemen wie künstliche Intelligenz, Internet-Sicherheit, digitale Wirtschaft, digitale Transformation und Online-Vertrieb vertieften die Teilnehmer ihr Fachwissen.

"Gute Ideen und Apps sind nicht genug!"

Am öffentlichen Abend begrüsste der Luzerner Stadtpräsident Beat Züsli die rund 1'000 interessierten Teilnehmenden mit Zuversicht: "Der reale Austausch unter realen Menschen hat andere Qualitäten." Und er meinte weiter, dass die digitale Revolution eine Herausforderung sei, die weit über die technischen und ökonomischen Herausforderungen gehe. Dies bestätigte auch der CEO der UBS, Sergio P. Ermotti: "Wir stehen an einem Wendepunkt in der Bankenwelt. Die letzten 10 Jahre waren durch Regulierung geprägt. Die nächsten 10 Jahre werden durch die Digitalisierung geprägt. Gewinner werden die Banken sein, die diese Herausforderung als Chance sehen. Gute Ideen und Apps sind nicht genug. Dank der Digitalisierung mit den bestehenden Plattformen kann die UBS noch effizienter werden. Dazu investieren wir jährlich rund 3 Mia. Franken in die IT." Das unglaubliche Potential der Digitalisierung habe aber auch Folgen. Sergio P. Ermotti erwartet, dass die UBS in den nächsten zehn Jahren rund 30% weniger Personal benötige. Der Mensch bleibe dennoch wichtig. Dank der Digitalisierung könne er seine Arbeit, die vielfältiger werde, effizienter gestalten.

Schliesslich präsentierte Wien sein Smart City-Konzept. Österreichs Hauptstadt gilt in Sachen Digitalisierung als fortschrittlichste Stadt weltweit. Lebensqualität, optimale Versorgung, Bürgernähe, effiziente Infrastrukturen sowie eine ressourceneffiziente Klimapolitik sind Markenzeichen der Initiative.

"Wir müssen uns verändern"

In der abschliessenden Runde mit fünf internationalen Experten wurde über die Herausforderungen und Zukunftsperspektiven der Digitalisierung diskutiert. Ängste um Arbeitsplätze habe es schon vor 200 Jahren mit der Erfindung der Dampfmaschine gegeben. Heute würden sich die Veränderungen allerdings vielrascher auswirken. Wichtig sei, dass alle aktiv die Zukunft mitgestalten. In der Aus- und Weiterbildung gehe es beispielsweise nicht darum, mehr Ingenieureauszubilden. Auch Automechaniker oder Coiffeusen müssten mit IT-Technikenvertraut gemacht werden. Der Umgang mit den eigenen Daten war ebenfalls ein Thema: Wer denke, alles sei gratis wisse wohl nicht, dass jemand anders mit den Datenspuren im Internet Gewinn mache. In der abschliessenden Einschätzung, wo Europa im digitalen Rennen stehe, waren sich die Experten einig, dass die USA ein starker Player sei. Obwohl viele der Technologie-Entwicklungen aus Europa oder der Schweiz stammten. Es fehle aber in der Schweiz an entsprechendem Risikokapital, das junge Ideen auch mit Millionen-Beträgen unterstütze.

Obwohl die Personenfreizügigkeit bei der Schweizer Bevölkerung wenig beliebt ist und der Wunsch nach Kontingenten wächst, stellen sich die Stimmberechtigten klar hinter die bilateralen Verträge. Der Zuspruch nimmt allerdings ab und es gibt mit einem möglichen EWR-Beitritt erstmals eine mehrheitsfähige Alternative. Dies zeigt das erste Credit Suisse Europa Barometer, eine repräsentative Umfrage von gfs.bern im Auftrag der Credit Suisse und in Zusammenarbeit mit dem Europa Forum Luzern.

www.europaforum.ch