Vorbericht WorldSkills 2019

In den Startlöchern zur Berufs-WM

(Bild: Bettina Kunzer)
Bettina Kunzer /

In Kürze finden in Kazan (RUS) die 45. Berufs-Weltmeisterschaften statt. Für den «Trade» Elektroinstallateur hat sich Boije Widrig aus Chur qualifiziert, und Michael Schranz aus Adelboden vertritt die Schweiz in der Disziplin Anlagenelektrik. Wir haben sie und ihre Coaches im Trainingscamp besucht.

Bei tropischen 36 Grad Aussentemperatur versprechen die ehemaligen Fertigungsräume, die Feller als Trainingscamp für die Berufsmeisterschaften zur Verfügung stellt, eine begehrte Abkühlung. Bei meinem Besuch der WorldSkills-Kandidaten in Horgen erwartet mich aber eine nicht minder schweisstreibende Geschäftigkeit. Mit der Stoppuhr gemessen, montiert Boije Widrig hoch konzentriert Schaltmodule auf einer Grundplatte mit Hutschienen. Für die gesamte Aufgabe, die ihn an den Berufsmeisterschaften erwartet, habe er seine Arbeitszeit bereits von 26 auf 16 Stunden reduzieren können, erklärt mir Adrian Sommer, Widrigs Coach und Experte der Berufsgruppe 18 – Elektroinstallateur. Es gelte, auch die kleinsten Arbeitsschritte zu optimieren. Die Aufgabe in der vorgegebenen Zeit vollständig zu erfüllen, ist natürlich eine der elementarsten Beurteilungskriterien für eine erfolgreiche Teilnahme an den WorldSkills.

Hoch qualifizierte fachliche Unterstützung
Für ihr Ziel, in Russland auf dem Podest zu stehen, absolvieren Boije Widrig und Michael Schranz, Kandidat der Disziplin Anlagenelektrik, ein straffes Trainingsprogramm, das sich aus der fachlichen Weiterbildung, Trainingscamps und selbstverständlich einem grossen persönlichen Engagement zusammensetzt. Für die fachlichen Kompetenzen engagiert sich der Berufsverband EIT.swiss (eh. VSEI), für den Adrian Sommer wie auch Christoph Meier, Coach von Michael Schranz und Experte der Berufsgruppe 19 – Anlagenelektriker, tätig sind. Dass in der Schweiz die Berufsverbände bzw. die Organisationen der Arbeitswelt (OdA) für die Vorbereitung auf die Meisterschaften verantwortlich sind, ist für Adrian Sommer naheliegend: «Schliesslich sind die SwissSkills, EuroSkills und WorldSkills ein wichtiger Bestandteil des Berufsmarketings und damit für jeden Verband ein Muss.»

Mit Adrian Sommer und Christoph Meier stehen den Kandidaten hochkarätige Experten zur Seite. Meier hat seine Fähigkeiten als fachkundiger Leiter im elterlichen Betrieb erworben, um sie heute an junge Talente wie Schranz weitergeben zu können. Als ehemaliger WorldSkills-Teilnehmer und langjähriger Wettbewerbsexperte weiss er, dass Spass am Handwerk der Schlüssel zum Erfolg ist. Und auch Adrian Sommer hat viele Jahre Erfahrung als gelernter Elektromonteur, dipl. Elektroinstallateur und dipl. Betriebswirtschafter. Er war 2009 in Kanada das erste Mal Experte bei den WorldSkills und rät seinen Kandidaten am liebsten, stets fokussiert zu bleiben.

Doch neben der fachlichen Unterstützung gehts auch bei diesem Wettkampf nicht ohne Zustupf aus Finanz und Wirtschaft. So dürfen sich die Kandidaten neben der Infrastruktur bei Feller über finanzielle Zuwendungen und ein grosszügiges Sponsoring von renommierten Schweizer Unternehmen der Elektrobranche freuen. Ausgestattet mit qualitativ hochwertigem Equipment, verbringen die Kandidaten im Trainingscamp, der ihnen jederzeit zur Verfügung steht, einen Grossteil ihrer Zeit. Von ihren Arbeitgebern, der Elektro-Raetus AG in Chur und dem Licht- und Wasserwerk Adelboden, wurden sie dafür weitgehend freigestellt.

Ein straffes Programm
Boije Widrig wird in Kazan eine komplexe Elektroinstallation mit KNX, eine Fehlersuche und eine Erstbetriebnahme einer separaten Anlage vornehmen. Von Michael Schranz wird die Installation
und Programmierung einer komplexen SPS-Anlage, eine Fehlersuche und Schemazeichen verlangt.

Die Vorbereitung auf den grossen Tag ist zeitintensiv: Acht Arbeitswochen verbringen die Kandidaten im Trainingscenter. Dazu kommen drei Wochen KNX- bzw. SPS-Systemkurse, verschiedene Praktika, Trainings mit Teilnehmern der anderen deutschsprachigen Länder, internationale Trainings und ein engagiertes Selbststudium. An vier Wochenenden mit dem gesamten SwissSkills-Team schulen die Teilnehmer die Kommunikation, erstellen Stärken-Schwächen-Profile, stärken ihre Motivation und den Teamgeist. Die Camps werden von Teamleadern durchgeführt, die auch an den WorldSkills als Vertrauenspersonen und Physiotherapeuten für alle Belange ausserhalb des Wettbewerbs zur Verfügung stehen. Vier Monate reine Vorbereitungszeit kämen schon zusammen, ist Meier überzeugt. «Deshalb prüfen wir im Vorfeld, ob die jungen Berufsleute wirklich bereit sind, so viel zu investieren», erklärt er. Ganz wettkampfunerfahrensind die Kandidaten jedoch nicht, da sie sich durch regionale Meisterschaften für die SwissSkills und dort für die WorldSkills qualifiziert haben.

Mit einer Lehre eine Nasenlänge voraus
Im internationalen Vergleich ist der Aufwand der Schweizer Elektroinstallateure allerdings verhältnismässig gering. Asiatische oder lateinamerikanische Nationen verwenden für die Vorbereitung ein Vielfaches an Zeit. Eine Tatsache, die Sommer zu relativieren weiss: «Unser Modell des dualen Bildungssystems, das die Berufslehre ermöglicht, kennen diese Länder nicht. Ihren Fachschulabsolventen fehlt die Basis, um die praxisorientierten Aufgaben zeitnah erfüllen zu können. Deshalb werden sie in langwierigen Schulungen explizit auf das Anforderungsprofil an den WorldSkills vorbereitet. Mit dem ‹Rucksack› einer Berufslehre auf dem Rücken finden die Schweizer Wettkämpferinnen und Wettkämpfer viel schneller in die Aufgabenstellung, und wir können uns in der Vorbereitung mehr auf Themen wie zielorientiertes Arbeiten, Konzentration oder Durchhaltevermögen fokussieren.» Und Meier ergänzt: «Kandidaten, die eine Berufslehre absolviert haben, können aufgrund ihrer Praxiserfahrung auch flexibler agieren. Das kommt ihnen vor allem dann entgegen, wenn es in der Disziplin Elektroinstallation um den Aufgabenbereich geht, der vor dem Wettkampf noch nicht bekannt ist. Unsere Teilnehmer sind auf ‹Überraschungen› bestens vorbereitet.»

Anforderungen im Wandel der Zeit
Durch die Digitalisierung haben sich im Laufe der letzten Jahre in vielen Berufsgruppen die Anforderungsprofile beträchtlich verändert, und viele neue Disziplinen sind entstanden – wie zum Beispiel der Anlagenelektriker. Der Wandel vom Handwerk zu softwarebasierten Aufgaben sei eklatant, so Meier. «In der Elektrotechnik sind zu den Installationsaufgaben vielfältige und komplexe Programmierungen hinzugekommen, mit denen es in der Berufslehre nur wenig Berührungspunkte gibt. Deshalb beginnen die Vorbereitungen auf die Meisterschaften mit systemspezifischen Workshops, die von den entsprechenden Herstellerfirmen organisiert und durchgeführt werden. Das Ziel der WorldSkills ist ja auch, einen Praxisbezug zu schaffen. Deshalb binden wir weltweit tätige Unternehmen ein, die in unserer Branche die Standards setzen.» Und Adrian Sommer, der wie alle Experten für das Anforderungsprofil an den Wettbewerben verantwortlich ist, führt aus: «Im Jahr 2011 konnten wir KNX als Anforderung definieren, und 2017 kamen an den WorldSkills in Abu Dhabi erstmals die Vernetzung über IP und SPS-Steuerungen dazu.» Die Berufsmeisterschaften würden nun weiter professionalisiert, nicht zuletzt gepusht durch ein grosses Publikums- und Medieninteresse, dass den Wettkampf seit einigen Jahren begleitet. Fachlich sei der Peak jedoch erreicht, sind sich die Experten einig.

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Weitere Infos zu den WorldSkills finden Sie auf: SwissSkills